Chile wurde als
erstes südamerikanisches Land in die Organisation für für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aufgenommen. Für Lateinamerika bedeutet
der Beitritt nur einen ersten Schritt. Weitere Länder werden folgen, sagt Mauro
Toldo, Senior Economist der Dekabank.
Was bedeutet der Beitritt Chiles zur OECD
für den lateinamerikanischen Kontinent?
Mauro Toldo: Das ist natürlich eine sehr positive
Nachricht. Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass es das erste Land aus
Südamerika ist, das in die OECD aufgenommen wurde. Es ist allerdings nur eine
erste Bewegung in der Region. Längerfristig werden andere Länder folgen.
Welche Länder sind das?
Mauro Toldo: Brasilien, Peru und Uruguay heben sich
hervor. Auch Panama und Kolumbien befinden sich auf einem guten Weg. Allerdings
ist das nicht kurzfristig zu betrachten. Die Staaten brauchen doch noch etwas
Zeit. Traditionell ist Argentinien ein Anwärter auf eine Mitgliedschaft in der
OECD. Aber politisch hat sich das Land in jüngster Zeit rückläufig entwickelt.
Chile gilt als politisch äußerst stabil.
Glauben Sie, dass diese Stabilität auch nach der Wahl am 17. Januar 2010 noch
gegeben sein wird?
Mauro Toldo: Auf jeden Fall. Nach dem Ende der
Pinochet-Diktatur 1990 hat sich das Land politisch sehr weiterentwickelt. Zwar
ist nach der diesjährigen Wahl mit einem Machtwechsel zu rechnen – das
Mitte-Links-Bündnis wird wahrscheinlich durch eine Mitte-Rechts-Regierung
ersetzt. Aber es gibt ein allgemeines Einverständnis darüber, in
wirtschaftlicher Hinsicht den aktuellen Kurs beizubehalten.
Lateinamerika
ist insgesamt auf dem Weg zu einer Stabilisierung. Die Unterscheidung zwischen
Populismus und stabilitätsorientierter Politik ist in der Bevölkerung langsam
angekommen. Die Menschen in der Region sind bereit für neue Reformen. Außerdem
haben die Länder des Kontinents nicht so viele Schulden angehäuft wie
andernorts. Man kann tatsächlich behaupten, dass Lateinamerika politisch reifer
geworden ist.
Es gibt nach wie vor ein großes Gefälle
zwischen arm und reich in Chile. Wird sich das nicht negativ auf die
wirtschaftliche Entwicklung der kommenden Jahre auswirken?
Mauro Toldo: Kurzfristig wird sich das nicht als
Belastung für die Wirtschaft herausstellen. Chile ist trotz der starken
Einkommensunterschiede in der Bevölkerung wirtschaftlich sehr gut aufgestellt.
Genau wie Deutschland ist Chile extrem
exportabhängig. Wie stark wurde das Land bisher von der internationalen
Weltwirtschaftskrise getroffen?
Mauro Toldo: Chile exportiert vor allem Rohstoffe
wie Kupfer. Natürlich ist die Wirtschaft des Landes ebenfalls von der
weltweiten Krise betroffen. Aber Chile hat beteits vor Jahren einen
Stabilitätsfonds eingerichtet. Teile des Erlöses aus dem Export von Kupfer und
anderer Rohstoffe gehen in diesen Fonds. In schlechten Zeiten, wie der
aktuellen Konjunkturkrise, werden Teile aus dem Fonds ausgeschüttet. Dadurch
kann die Wirtschaft etwas angekurbelt werden.
Welche Industriebereiche sind für Chile
besonders wichtig?
Mauro Toldo: Chile hat eine sehr diversifizierte
Wirtschaft. Der Bergbau ist für die Wirtschaft ausschlaggebend. Rohstoffe sind
gerade für den Export von großer Bedeutung, vor allem Kupfer. Darüber hinaus
sind aber auch die Landwirtschaft, Forstwirtschaft und der Fischfang wichtige
Bestandteile von Chiles Wirtschaft.
Bei allen Lobpreisungen – Worin liegen
die größten Schwächen in Chiles Wirtschaft?
Mauro Toldo: Wenn man von Schwächen sprechen kann,
dann in Bezug auf das Ausbildungssystem. Da gibt es noch einigen
Handlungsbedarf. Durch mangelhafte Ausbildung leidet die Innovationskraft des
Landes. Gerade hier tritt das Problem der Armut zum Vorschein. Ärmeren
Bevölkerungsschichten ist der Zugang zur Bildung erschwert.
Allerdings ist
das im Vergleich mit den Industrienationen zu betrachten. Chile gehört auf dem
lateinamerikanischen Kontinent zu den wettbewerbsfähigsten Ländern. Es gibt
zwar auch hier institutionelle Schwächen aber die Korruption ist kein so großes
Problem wie in anderen südamerikanischen Staaten.
Wie sind die Wachstumsprognosen für
dieses Jahr?
Mauro Toldo: Für 2010 ist in Chile mit einem
Wachstum von etwa vier Prozent zu rechnen. In den kommenden Jahren wird der
Zuwachs vermutlich leicht darüber liegen. Damit knüpft die Wirtschaft des Landes
an die Wachstumsraten der vergangenen Jahre an.
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